DAS HAUS AM RING GIBT SICH DIE EHRE

HOMMAGE AN EINE UNVERGESSENE OPERNLEGENDE

  Wieder einmal öffnet die weltberühmte Wiener Staatsoper ihre Pforten um dort eine der ganz Großen und unvergessenen Diven zu ehren. Die slowakische Opernlegende und österreichische Kammersängerin Lucia Popp verzauberte mit ihrem Koloratursopran als einzigartige „Königin der Nacht“ aus der Mozartoper „Die Zauberflöte“ bereits bei ihrem Debüt am Opernhaus in Bratislava 1963 ihr Publikum. Noch im selben Jahr wurde sie umgehend an die Wiener Staatsoper engagiert. Unter der Leitung Otto Klemperers nahm sie dessen Studiofassung des Mozartwerkes auf und begeisterte alle mit ihrer stimmlichen Leistung.

Und genau diese Rolle brachte Lucia Popp an die großen Häuser der Welt. Sie hatte Auftritte am Royal Opera House London, der Metropolitan Oper, der Mailänder Scala, uvm. und wirkte auch in einer Fernsehverfilmung von Albert Lortzings Oper „Zar und Zimmermann“ mit. Beständig erweiterte sie auch ihr Repertoire, das vom Soubretten- und Koloraturfach bis zu lyrischen und jugendlich-dramatischen Rollen, die sie wegen der Nachdunklung ihrer Stimme gesungen hat, reichte.
Als Interpretin der
Mahler-Lieder war sie eine von Leonard Bernsteins Lieblingssängerinnen. Doch zeugen auch ihre Aufnahmen von Schubert- und Schumann-Liedern von ihrer musikalischen Meisterschaft. Tragischerweise erlag Lucia Popp einem inoperablen Gehirntumor. Sie sollte nur 54 Jahre alt werden.   Einer, der ganz besonders um das slowakische Stimmwunder trauerte, ist der beliebte Wiener Schauspieler und Opernregisseur Otto Schenk. Der slowakische Bildhauer Juraj Čutek schuf als Tribut an die unvergessliche Diva eine Büste, die in der Wiener Staatsoper einen Ehrenplatz erhielt und am 12.Juni 2017 von Otto Schenk und dem Staatssekretär des slowakischen Außenministeriums Ivan Korčok im Rahmen eines Festaktes in der Oper enthüllt wurde. Veranstaltet wurde diese feierliche Enthüllung von der slowakischen Botschaft mit Botschafter Juraj Macháč und dem slowakischen Institut mit Fr. Direktor Alena Heribanová in Wien. Dominique Meyer, Direktor der Staatsoper und Ivo Nesrovnal, Bürgermeister der Stadt Bratislava begrüßten die Gäste, die Laudatio wurde von Kammersänger Peter Dvorský und dem Präsidenten der Gesellschaft für Musiktheater und langjährigen Dramaturgen der Wiener Staatsoper Prof. Dr. Franz Eugen Dostal gehalten. Durch die Veranstaltung führten Alena Heribanová und Dr. Adrian Hollaender. Ein kleines Konzert mit den Sopranistinnen Adriana Kučerová und Jolana Fogašová, dem Tenor Jaroslav Dvorský, dem Geiger Tibor Kovac und der Pianistin Petra Pogády begleitete den Festakt. Den Auftakt machten Petra Pogády und Tibor Kovac mit der „Zauberflöten“-Phantasie von Wolfgang Amadeus Mozart, gefolgt von Adriana Kučerová ebenfalls am Klavier begleitet von Petra Pogády mit der Arie der Julia „Je veux vivre“ aus der Charles Gounod Oper „Romeo et Juliette. Dann kam der Tenor Jaroslav Dvorský mit der Arie des Cavarasossi „E lucevan le stelle“ aus der Oper „Tosca“ von Giacomo Puccini, danach die Sopranistin Jolana Fogašová mit „Vissi d’arte“, der Arie der Tosca. Beide wurden am Klavier ebenfalls von Petra Pogády begleitet.

Und noch eine zweite Ehrung fand an diesem Tag statt. Otto Schenk, der die Büste enthüllte feierte an diesem Tag auch seinen 87. Geburtstag. Aus diesem Anlass wurde ihm von den anwesenden Künstlern ein Ständchen dargebracht, das der allgemein als „Geburtstagsmuffel“ bekannte Jubilar doch sichtlich gerührt entgegen nahm.

Die Wiener Staatsoper “Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut”

Die heutige Wiener Staatsoper als kulturelle Institution gilt als Nachfolgerin der von den Habsburgern gegründeten und geförderten Wiener Hofoper. Den Grundplan für das Opernhaus entwarf der Wiener Architekt August von Siccardsburg, die Innendekoration lag in den Händen von Eduard van der Nüll, ebenfalls ein bekannter Wiener Architekt und Freund Siccardsburgs. Die Fresken im Foyer, als auch der weltberühmte Zauberflöten-Freskenzyklus in der Loggia, entstammt dem genialen Pinsel Moritz von Schwinds.
Die Formgebung der Oper ist dem Stil der Renaissance nachempfunden. Die hierachische Struktur der Fassade mit der Loggia als hervortretender Mittelrisalit, die symmetrische Anordnung des gesamten Baukörpers mit den Skulpturen, sowie die runden Bogenöffnungen verweisen auf die humanistische Tradition des Bauwerks. Das von den Habsburgern in Auftrag gegebene Opernhaus wurde am 25. Mai 1869 in Anwesenheit des Kaiserpaares Franz Josef und Elisabeth mit Mozarts „DON JUAN“ feierlich eröffnet. Auch der Nationalsozialismus zog seine Spuren durch das Haus am Ring. Von 1938 bis 1945 wurden zahlreiche Mitglieder des Hauses verfolgt, vertrieben und ermordet, etliche Werke durften nicht mehr gespielt werden. Am 12. März 1945 wurde das Opernhaus durch einen Bombentreffen weitgehendst verwüstet. Erhalten blieben lediglich die Hauptfassade, die Feststiege und das Schwindfoyer. Doch bereits im Mai 1945 verkündete Ing. Julius Raab, der Staatssekretär für öffentliche Bauten den Wiederaufbau der Staatsoper. Ein Architektenwettbewerb wurde von Leopold Figl mit dem Ziel, dass die Oper im Jahr 1949 wieder bespielbar wäre, 1946 ausgeschrieben. Es gewann Erich Boltenstern, der sich für eine Wiederherstellung mit gleichzeitiger Modernisierung der Formensprache im Geiste der 50-iger Jahre entschied. Für die gute Akustik wurde, nicht zuletzt auf die Anregung Arturo Toscaninis hin, vor allem Holz verwendet. Mehrere Künstler waren am Wettbewerb der Neugestaltung des Eisernen Vorhangs beteiligt. Unter ihnen war auch Marc Chagall. Doch letztlich ausgeführt wurde er von Rudolf Hermann Eisenmenger. In der ehemals offenen, heute verglasten Loggia ober den Haupteingängen befinden sich die Gemälde Moritz von Schwinds, in den fünf bogenförmigen Öffnungen allegorische Bronzefiguren und auf den beiden Postamenten oberhalb der Loggia je ein Pegasus von Ernst Julius Hähnel.     Die glanzvolle Wiedereröffnung mit neuem Zuschauerraum und modernisierter Technik wurde am 5. November 1955 mit Beethovens FIDELIO unter Karl Böhm gefeiert und vom österreichischen Fernsehen übertragen. Man wollte es als Lebenszeichen der neuerstandenen 2. Republik Österreichs verstanden wissen. Heute ist die Wiener Staatsoper eines der wichtigsten Opernhäuser der Welt und vor allem als Haus mit dem größten Repertoire bekannt.

“Königsgrätz der Baukunst”

Die Wiener standen dem neuen Operngebäude allerdings nicht sehr freundlich gegenüber. Was heute als Wahrzeichen und eines der wichtigsten Symbole der Musikmetropole Wien gilt, wurde damals sowohl vom Bürgertum, der Aristokratie und sogar von Kaiser Franz Joseph selbst, der das berühmte Gebäude am Ring als „versunkene Kiste“ bezeichnete, mehrheitlich abgelehnt. Auch als „Königgrätz der Baukunst“ wurde es geschmäht, was in Analogie zum militärischen Desaster 1866, wenige Jahre nach der folgenschwersten Niederlage der Donaumonarchie, als ganz besondere Demütigung zu werten war. Besonders poetisch veranlagte Wiener verspotteten die beiden Architekten sogar in Reimform über die bei dem Bauwerk zusammengefassten Architektur-Epochen. So hieß es:

Siccardsburg und van der Nüll

die haben beide keinen Styl

griechisch, gotisch, Renaissance

das is denen alles ans!

Ganz besonders hart traf die Architekten der Ausspruch über die „versunkene Kiste“ von Kaiser Franz Joseph selbst. Für den sensiblen Eduard van der Nüll endigte dies mit dem Freitod. Er erhängte sich in seiner Wohnung. Sein Partner August Siccardsburg erlag wenige Wochen danach einem Herzschlag. Man sagt, dass nach diesem tragischen Ereignis Kaiser Franz Joseph äußerst zurückhaltend mit dem Ausdruck seiner persönlichen Meinung wurde und sich auf das bis heute bekannteste Zitat „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“ beschränkte. Wenn auch in der Oper hauptsächlich gestorben wird, so lassen sich z.B. Radames und Aida zum Schluß der Oper in der Pyramide einmauern, Othello ersticht in rasender Eifersucht seine geliebte Desdemona, Violetta stirbt an der Schwindsucht, Tosca stürzt sich nach der Ermordung ihres geliebten Cavaradossi von den Zinnen der Engelsburg, Senta beweist dem Fliegenden Holländer ihre Treue, indem sie sich von den Klippen stürzt und auch Elisabeth wählt den Freitod um ihren geliebten Heinrich Tannhäuser zu retten, so sollte sich dies nicht auf ihre Erbauer und Planer erstrecken.

Die Architekten traf keine Schuld

Obwohl das Niveau der Opernringfahrbahn damals tatsächlich um einen Meter höher war als die Torbögen des unfertigen Bauwerkes, was ihm den Eindruck der „versunkenen Kiste“ verlieh, traf die beiden Architekten nicht die geringste Schuld daran. Der Grund lag in einer Fehlplanung des Hofbauamtes, der dazu führte, dass die Fahrbahn höher als ursprünglich vorgesehen angelegt wurde. Jedoch in den Augen der Öffentlichkeit blieben es die beiden Architekten, welche die bauliche Katastrophe zu verantworten hatten. Doch gedenkt die Musikmetropole Wien mit Ehrfurcht der beiden Schöpfer des heute so beliebten Opernhauses am Ring. Direktor Dominique Meyer ließ es sich nicht nehmen, am 9.Jänner 2012, dem 200. Geburtstag von Eduard van der Nüll, einen Kranz am Ehrengrab des Architekten am Wiener Zentralfriedhof niederzulegen. Und auch zwei nach ihnen benannte Straßen, nämlich die Van-der-Nüll-Gasse und die Siccardsburggasse, beide im 10. Wiener Gemeindebezirk erinnern noch an die beiden großen Wiener Architekten, die so tragisch und unschuldig aus dem Leben schieden. SH Merken Merken Merken

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